Pflegereform droht zur Vereinsamungsreform zu werden

Landesverband der Nachbarschaftshilfen Hessen warnt vor den sozialen Folgen der geplanten Pflegereform

Bad Nauheim. Die Diskussion um die geplante Pflegereform konzentriert sich derzeit vor allem auf Finanzierung und Effizienz. Aus Sicht des Landesverbandes der Nachbarschaftshilfen Hessen greift dieser Blick jedoch zu kurz. Denn Pflege ist weit mehr als medizinische Versorgung und körperliche Unterstützung – sie entscheidet auch darüber, ob ältere Menschen am gesellschaftlichen Leben teilhaben oder in die Einsamkeit geraten.

Der Wunsch der meisten Seniorinnen und Senioren ist eindeutig: Sie möchten so lange wie möglich in ihrem vertrauten Zuhause leben. Dieses Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn neben der pflegerischen Versorgung auch alltagsnahe Unterstützungsangebote erhalten und ausgebaut werden.

Nachbarschaftshilfen, Alltagsbegleitungen, ehrenamtliche Besuchsdienste und die Entlastung pflegender Angehöriger sind keine freiwilligen Zusatzleistungen – sie bilden das soziale Fundament eines selbstbestimmten Lebens im Alter.

„Die Frage darf nicht lauten, wie Menschen möglichst lange in ihren Wohnungen bleiben können. Die entscheidende Frage ist, wie sie dort auch leben können. Wer an Nachbarschaftshilfen, Alltagsbegleitung und sozialer Teilhabe spart, spart an der Lebensqualität von Hunderttausenden älteren Menschen. Eine Pflegereform, die Einsamkeit verstärkt, verfehlt ihr Ziel“, so Traugott Arens, Mitglied des Vorstands des Landesverbandes der Nachbarschaftshilfen Hessen e.V.

Einsamkeit ist ein Gesundheitsrisiko

Die Mitgliedsorganisationen des Landesverbandes erleben täglich, welche Bedeutung menschliche Begegnungen im Alltag haben. Ein gemeinsamer Spaziergang, Unterstützung beim Einkauf oder einfach ein Gespräch können darüber entscheiden, ob ältere Menschen aktiv und selbstständig bleiben oder sich zunehmend zurückziehen.

Soziale Isolation ist längst als ernstzunehmender Gesundheitsfaktor anerkannt. Einsamkeit erhöht nachweislich das Risiko für Depressionen, Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einen Verlust der Selbstständigkeit. Werden Unterstützungsangebote eingeschränkt oder schwerer zugänglich gemacht, steigen nicht nur die persönlichen Belastungen der Betroffenen, sondern langfristig auch die Kosten für das Gesundheitssystem.

Angehörige und Ehrenamt dürfen nicht die Lücken schließen

Bereits heute tragen pflegende Angehörige und ehrenamtlich Engagierte einen erheblichen Teil der Versorgung älterer Menschen. Viele stoßen dabei an ihre körperlichen, zeitlichen und finanziellen Grenzen.

Eine Pflegereform darf diese Verantwortung nicht weiter auf Familien und Ehrenamt verlagern, sondern muss sie gezielt stärken und entlasten.

Der Landesverband fordert

  • eine nachhaltige Stärkung niedrigschwelliger Unterstützungsangebote nach § 45a SGB XI,
  • eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung der Nachbarschaftshilfen,
  • spürbare Entlastungen für pflegende Angehörige,
  • weniger Bürokratie und schnellere Zugänge zu Unterstützungsleistungen,
  • eine stärkere kommunale Vernetzung sozialer Hilfsangebote sowie
  • die Anerkennung sozialer Teilhabe als gleichwertigen Bestandteil einer modernen Pflegepolitik.

 

Pflege bedeutet auch Nähe

Pflege endet nicht bei der Körperpflege. Sie umfasst Begegnung, Gemeinschaft, Sicherheit und das Gefühl, weiterhin Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Eine Reform, die ausschließlich auf Kosten und Pflegegrade blickt, wird den Bedürfnissen älterer Menschen nicht gerecht. Wer den Verbleib in der eigenen Wohnung fördern möchte, muss gleichzeitig verhindern, dass das Zuhause zum Ort der Einsamkeit wird.

Der Landesverband der Nachbarschaftshilfen Hessen appelliert deshalb an Bund, Länder und Kommunen, soziale Unterstützungsstrukturen nicht als freiwillige Zusatzleistung zu betrachten, sondern als unverzichtbaren Bestandteil einer zukunftsfähigen Pflege.

Das Ziel darf nicht nur sein, dass Menschen länger zuhause wohnen –
sondern dass sie dort auch leben können.

Einsamkeit und fehlende Unterstützung gefährden das Ziel der Reform

In Hessen erhielten zum Jahresende 2023 423.400 Menschen Leistungen der sozialen Pflegeversicherung. Davon wurden 366.000 Menschen – rund 86,4 Prozent – zu Hause versorgt. Damit findet Pflege auch in Hessen überwiegend in den eigenen vier Wänden statt – meist mit Unterstützung von Angehörigen sowie ehrenamtlichen und niedrigschwelligen Angeboten.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Pflegebedürftigen weiter an: Innerhalb von nur zwei Jahren nahm sie in Hessen um 14,9 Prozent zu. Besonders stark wuchs die Zahl der Menschen, die Pflegegeld beziehen oder Unterstützungsangebote nach Landesrecht – etwa Angebote zur Unterstützung im Alltag nach § 45a SGB XI – in Anspruch nehmen. Diese Entwicklung zeigt, wie wichtig Nachbarschaftshilfen und alltagsnahe Unterstützungsangebote bereits heute sind.

„Wenn mehr als 86 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen in Hessen zu Hause versorgt werden, muss die Pflegepolitik genau dort investieren, wo diese Menschen leben – in Nachbarschaftshilfen, Alltagsbegleitung und die Entlastung pflegender Angehöriger. Wer diese Strukturen schwächt, riskiert, dass aus dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben zu Hause ein Leben in sozialer Isolation wird.“

Pflege braucht soziale Teilhabe

Die Zahlen zeigen deutlich: Die Zukunft der Pflege entscheidet sich nicht in den Pflegeheimen, sondern in den Quartieren, Nachbarschaften und Kommunen. Damit ältere Menschen möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben können, braucht es verlässliche Unterstützungsstrukturen, persönliche Begegnungen und niedrigschwellige Hilfsangebote. Pflege ist deshalb immer auch eine gesellschaftliche Aufgabe – und soziale Teilhabe ein wesentlicher Bestandteil einer zukunftsfähigen Pflegepolitik.

Fragen zur Pflegereform? 

Die geplanten Änderungen in der Pflegeversicherung sorgen bei vielen Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen für Verunsicherung. Welche Leistungen stehen mir künftig zu? Was ändert sich beim Entlastungsbetrag? Welche Unterstützung kann ich in Anspruch nehmen? Und wie beantrage ich diese?

Unsere Mitgliedsorganisationen stehen Seniorinnen und Senioren sowie pflegenden Angehörigen bei allen Fragen rund um die Pflege und die Auswirkungen der Pflegereform beratend zur Seite. Sie informieren verständlich über aktuelle Entwicklungen, helfen bei der Orientierung im Pflegesystem und zeigen individuelle Unterstützungsmöglichkeiten auf.

Ob Hilfe im Haushalt, Alltagsbegleitung, Entlastungsleistungen nach § 45a SGB XI, Unterstützung für pflegende Angehörige oder Fragen zu Pflegegraden und Leistungsansprüchen – wir nehmen uns Zeit für Ihre Anliegen und finden gemeinsam passende Lösungen.

Niemand sollte mit seinen Fragen zur Pflege allein bleiben.

Gemeinsam sorgen wir dafür, dass Sie auch künftig die Unterstützung erhalten, die Sie benötigen – damit ein selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden möglich bleibt.